Neue Ordnungen im Katastrophengebiet

March 17th, 2011

Krystian Woznicki hat in der berliner gazette eine liveaktion mit dem Titel “7 Thesen zum Erdbeben in Japan: Live-Internet, Crowdsourcing und der Disaster-Capitalism-Complex” gestartet und zur mitarbeit eingeladen.
die 7 thesen dort sollen und dürfen um weitere kommentare und anmerkungen versammelt werden. auf der rohrpost-ml gabs kurzen protest, wegen vermeintlicher pietätlosigkeit, diese haltung teilen wir aber nur bedingt.
das projekt erscheint imho als weitere beitrag im konetxt der bereits geführten wikileaks-debatte. denn auch hier geht es um die frage, wer was wann wissen darf und muss.
und, wer das entscheiden darf.
#fukushima zeigt erneut dass infos durchaus überlebenswichtig sein können.

beim lesen der thesen fiel uns dann unter anderem ein absatz auf, der zwar durchaus interessant, aber im ersten moment nicht so recht einleuchtend klang.

“So wie der Kapitalismus im Katastrophengebiet über Nacht neue Ordnungen installieren hilft (die von der Allgemeinheit erst viel später registriert werden), so kann der kollaborative Prozess-Journalismus qua Live-Internet über Nacht als Korrektiv installiert werden.”

kapitalsmus-bashing hat ja traditionell einen hohem stellenwert in unserem kleinen online-fanzine.
aus diesem grund fanden wir das zitat und den hinweis auf die wirkenden ordnungskräfte des kapitals für wichtig genug, um es irgendwo zwischen neonerdkortex und den inneren frontallappen zwischenzuspeichern.
und das war auch gut so!
denn kurze zeit später stießen unsere metatentakel auf den folgenden artikel im finanz-blog unseres hamburger ex-mbw.
‘Spekulanten wittern Beute in Krisenregion’

aber lest doch bitte selbst und und macht euch ein bild davon wie solch abstrakte aussagen dann ganz konkret aussehen.
theorie und praxis in höchstform.
wir verbeugen uns in ehrfurcht vor der realität und ziehen uns zurück in unsere kleine dunkle höhle der apokalypse.

mangelnde worte zum geschehen

March 16th, 2011

seit tagen blicke ich auf die liveticker. arbeiten ist nur schwer möglich.
und es ist nicht die sensationsgier, die normale geilheit auf das spektakel, die lust an der katastrophe. der leichte grusel der einen überkommt.
es ist nicht der 11.september “the most exciting day“. es ist nicht die wunderbar explodierende challenger am blauen himmel.
es ist kein helles, schönes grauen.
es ist dunkel und schwarz und es strahlt.

ich lese, ich sehe, ich will dazu schreiben. aber es geht nicht. alles wirkt unzureichend. erfasst das geschehen nicht.
erdbeben, tsunami, supergau. und ständig steigert es sich, ist schon schlimm. wird noch schlimmer. der supergau soll noch kommen.
wieviel denn noch?

am telefon späße über die apokalytischen grüße, zwischen gesprächen mit kunden. verfassen eines kostenvoranschlags.
programmierung an webseiten. mit dem motorroller zur post…
alles normal. tee trinken.

und gleichzeitig ist es etwas anderese. dinge scheinen sich zu bewegen. beschreiben ist nicht möglich.
die wirklichkeit scheint zu kippen, oder ist es für mich zu viel?
ist das der wahnsinn? geht es nur mir so?
vielleicht hilft schnaps? wenn es morgen nicht besser wird werde ich mich betrinken …
oder lieber baudrillard lesen?
am besten beides. rotzbesoffen baudrillard!!!!11!!! lol rofl copter!!!

die regierung lügt. das ist normal das tut sie immer. aber jetzt, jeder weiß es. der unsinn ist so eklatant, dass man es nicht übergehen aber auch nicht mehr kommentieren kann.
arrangieren wird schwer mit leuten die gerade zugeben, dass sie bereit waren uns für ein paar milliarden euronen eventuell auch bißchen voll zu strahlen…
aber die milliarden sind nicht mal für sie?
(übertrieben. pathetisch. hysterisch?)
warum tun sie das dann?
wie reden mit so jemandem? ist das wirklich wahr?
ich bilde es mir ein! ich bilde mir alles ein.
80% der bevölkerung wollen die akws sofort abschalten, sagt ntv im tv, 80% halten die reaktion der bundesregierung akws sofort abzuschalten für jämmerlich und opportunistisch, sagt die ftd im web …
japan geht die nahrung und wasser aus. obwohl japan sehr reich ist.

doch japan ist weit weg und ein high-tech land.
7 akws gehen vom netz, obwohl sie sicher sind. der strom bleibt dennoch. block 5und6 sind auch warm geworden.
brennstäbe lagern auf einem dach?

jeden morgen wache ich auf und nachts expldodiert fukushima. oder es brennt. man löscht, wirft wasser oder borsäure drauf.
das kraftwerk ist ein schrotthaufen. wie lange schon? wo kommen die bilder her?
verschwörungstheorie gedanken über globalisierte nachrichtensperren …

warum reden alle über tokio, 80km von fukushima entfernt sitzen 1mio menschen in sendai? wird das evakuiert?
günther öttinger kündigt im parlament weitere katastrophen an, woraufhin der dax einbricht. weiß er was oder ist er mit den nerven durch?

hat denn eigentlich noch jemand die kontrolle? oder ist das jetzt ein übergang ins chaos?
ist der politische diskurs noch am laufen und sind wir noch im gespräch?
oder fehlen die worte weil sie nicht mehr anwendbar sind, weil die lügen nicht mehr aufzulösen sind, unsere und die der anderen?

weil auch diese worte banale und verkitschte scheisse sind?
man möchte brechmittel zu sich nehmen.
weil es raus muss, das gift!

prägende katastrophen bilder

March 14th, 2011

eines vorweg: auch den pussyimploder lässt nicht kalt was den menschen in japan derzeit zustößt. dennoch bin ich davon überzeugt, dass das denken und reflektieren nach wie vor legitim ist und glaube daran über die fähigkeit des denkens und fühlens auch zur gleichen zeit zur verfügen. aus diesem grunde nun ein paar gedanken die über die aktuellen geschehnisse hinaus greifen, ohne dabei zu vegessen, dass viele immer noch unter diesen leiden.

wie der werte kollege bersarin in seinem post treffend anmerkte, stellt sich mit blick auf die apokalyptischen zustände auf der japanischen insel natürlich auch hier, im club der optimisten und weltfreunde, die frage wie theorie und praxis überhaupt noch sinnvoll betrieben werden können.
auch, weil hier wieder einmal die verrücktesten katastrophenfantasien in geradezu unfassbarer weise von der wirklichkeit übetroffen werden, so dass selbst hollywod mit dem verweis auf realitätsferne bei einem solchen plott abwinken würde.

doch der pussyimploder wäre nicht der pussyimploder würde uns an dieser stelle nicht auch das bild der katastrophe, vor allem aber eine mögliche deutung interessieren.
und natürlich sind es nicht die bilder des tsunamis und die damit verbundene urgewalt die wir als prägend erachten. hier geht es um das bild aus fukushima, denn dieses kommt als ikone und symbol für eine wieder ins bewusstsein rückende gefahr in frage, welche über das potential verfügt mit all ihren implikationen die kommende dekade zu prägen: wie werden wir die atomgefahr los und von wem geht diese eigentlich aus?

technobilder der katastrophen

stand das erste jahrzehnt des 21. jahrhunderts in extremer weise unter dem einfluss der ereignissen und auch der bilder des 11. septembers, ist mit der atomkatastrophe von fukushima einen neues bild hinzu gekommen.

und auch wenn sich die ereignisse in vielem unterscheiden, rütteln sie doch an grundfesten und verweisen in eigentümlicher weise auf eine tiefere ebene.
während im jahr 2001 ein als unverwundbar geltendes imperium angegriffen wurde, ist mit den ereignissen der letzten tage japan, die hightech-nation dieser erde und deren bevölkerung ins mark getroffen worden. technologie und damit kapitalismus spielt in beiden katastrophen eine wichtige rolle, darüber hinaus die frage der verwundbarkeit und auch die hybris. aber es geht auch – und das erscheint entscheidend – um die frage der feindbilder.

doch wer taugt als blitzableiter?

hatte sich nach 9/11 schnell eine feindbild, mit all seinen dramatischen folgen entwickelt um die angst, frustration und furcht vor der bedrohung abzuleiten, wird das in diesem fall komplexere antworten verlangen.
denn das feindbild des durchgeknallten, moslem-extremisten war ohne all zu große probleme systemimmanent zu bedienen. die atomkatastrophe in fukushima steht aber nun für eine neue, diffuse bedrohung, die leider auch von den bestehenden gesellschaftlichen verhältnissen ausgeht.
die deutsche bundeskanzlerin – physikerin der macht, welche sich in besonders ausgeprägter weise mit dem atom verbündet hat – und ihre partei scheint dieses problem durchaus erkannt zu haben, so radikal wie man dort gerade den kurs zu ändern versucht.

war es nach 9/11 möglich ein gemeinsames, äußeres feindbild zu konstruieren, stehen wir aktuell vor einem ganz anderen problemen. wir, unsere kultur, die vermeintlichen ökonomischen zwänge und die damit verbundene haltung zu technologie sind es, die unsere vernichtung voran treiben. die politik der globalisierten und extremst kapitalistisch programmierten technomaschinerie ist ausdruck dieser kultur und ein ereignis wie das in fukushima wird unweigerlich zum symbol für diese politik.
aber wie gehen wir um, mit einer politik die aufgrund der bestehenden verpflichtungen und verflechtungen nicht in der lage ist, uns in absehbarer zeit von einer verstöhrenden bedrohungen für leib und leben zu befreien?

wie verhält sich eine gesellschaft in der aus dem abstrakten gefühl ‘die da oben stopfen sich mit hilfe des staates die taschen voll‘ das konkretere gefühl ‘die da oben stopfen sich mit hilfe des staates die taschen voll und riskieren gleichzeitig damit tausendfach unser leben‘ wird?
viel gravierender aber die frage, wie gehen wir mit einem staat um, der sich in der letzten dekade maßgeblich über das versprechen und die garantie von sicherheit legitimiert hat und nun selber teil einer massiven bedrohung ist und damit zur angst beiträgt?

SCHÖN IST ES SICH ZU TÄUSCHEN

March 1st, 2011

wir haben nicht mehr wirklich dran geglaubt und trotzdem schön sich zu täuschen.

diese frisur sitzt – fest im sattel

February 22nd, 2011

tolles bloggen

das wunderbare am netz und den blogs ist ja, man muss manches gar nicht mehr selber schreiben. denn wer es findet, der darf es verlinken – abschreiben ist hier gar nicht mehr notwendig.
und so verlinken wir den folgenden beitrag zu herrn zu guttenberg, unserer gerade heranwachsenden 1000jährigen deutschen eiche im zentrum der macht (mit dank an hf99, der uns im übrigen trotz verbindlicher zusage immer noch noch in seine doofe blogroll aufnahm!!!1!!!!1 edit: doch hatte er, wir waren nur zu doof zum lesen.).
im großen ganzen ist das was max steinbeis in seinem blog schreibt nämlich auch das, was auch uns hier im pi-headquarter der guten laune den tag über durch den kopf ging.

dieser mann lässt sich nicht so leicht wegtwittern

und doch möchten wir die gedanken von max noch einmal um einen zusätzlichen aspekt erweitern.
denn was unserer ansicht nach mindestens ebenso beeindruckend auf die anhänger des adligen heilsbringers wirkt, wie das verlinkte, ist die standhaftigkeit mit der er sich gegen all die twitter-hippies und wiki-nerds zur wehr, bzw über sie hinweg gesetzt hat.
während aktuell in afrika und dem nahen osten mächtige diktaturen wanken, die weltmacht usa vor wikileaks zitterte und sich mit neoanarchisten wie assange herumschlagen muss, zeigt herr zu guttenberg wo es lang geht. er lässt sich weder von der macht des netzes, noch von der der etablierten medien beeindrucken – wie vergangene woche deutlich bewiesen.
das imponiert! das zeugt von wahrer potenz! eine audienz gewährt man eben nicht per facebook.

denn ein herr zu guttenberg lässt sich von solch mißgünstigen, verpickelten kleinkrämern mit ganz offensichtlich zuviel tagesfreizeit zum rumgooglen, eben nicht die tour vermaseln. merken bitte, diese frisur sitzt fest im sattel!

und deshalb: lokalrunde für alle!

und weil uns das alles eben leider schon von anfang an klar war geben wir heute mal einen aus. nicht dass es uns wirklich freuen würde, aber was hat man in solchen zeiten schon noch groß zu feiern. also prost!

und weil auch wir nicht elitärer sind als irgend nötig, wollen wir heute mal hier und hier auf den mainstream verweisen, der ja durchaus die passenden klaren worte findet.

ein prosit, ein poooohosit, der gemütlichkeit!

in ya face

February 22nd, 2011

autismuskritik betitelt den folgenden gastbeitrag von KenFM äußerst treffend mit “das ist polemisch, das ist – im besten sinne – demagogisch, das ist teils verkürzt, aber es sitzt – in ya face…”

kein zweifel freunde, solche gäste sind hier doch stets willkommen.
und deshalb nun, film ab.

situationistische postmoderne snab.me gegen das global boring

February 21st, 2011

schon vergangene woche kamen wir hier in unserem digitalen ort für öffentliches denken und sehen aus dem staunen nicht mehr raus. dialektik der postmoderne heißt wohl wie so oft das zauberwort.
ich beziehe mich auf diesen und diesen post. beeindruckend verwirrend, wie ich nach wie vor finde.
nur der echte existentialist kann hier noch ohne flasche wodka zu bett gehen. doch glücklicherweise sind wir tough genug uns diesen dingen hinzugeben, denn der wahnsinn ist ja unbestritten normalzustand, wir haben das gelernt und von daher kommen wir mit solchen dingen problemlos klar.
und im notfall haben ja wir die passenden präparate zur hand – zumindest hoffe ich das für euch.
ein kleiner feiner ganz dezenter beigeschmack nach stuhlgang bleibt natürlich dennoch.

heute wollen wir uns aber einer anderen nicht ganz so verwirrenden variante, solcher momente widmen: teile der auf snab.me entwickelten ideen, gegen das global boring, lassen sich relativ deutlich auf ideen und konzepte der verehrten, situationistisch geprägten paris cityboys zurück führen.
das moment des derive findet sich etwa recht deutlich in dieser, leider dann doch nicht all zu originellen anti-boring-variante von user happy-hank wieder. nun hat snab.me sich zum ziel gesetzt das global boring zu bekämpfen, das leben noch spektakulär zu gestalten: fun fun fun auf der datenautobang!
dem schliessen wir uns natürlich an, gleichwohl die plattform von tödlicher langeweile nur so strotzt.

meine lieblingsidee ist aber nun nach kurzer recherche das unterhaltungsspielchen kaffe in der kälte.

“Mission: Gebe einem Obdachlosen in deiner Stadt einen Kaffee o.ä. aus. Einfach so! Fotos brauchst du nicht. Meistens wollen Sie nicht fotografiert werden. Schreibe ob du dann ein gutes Gefühl dabei hattest!”

auch hier bleibt natürlich erst einmal eine kleiner feiner und besonders delikater beigeschmack nach stuhl zurück. das verwundert nicht und dafür muss sich keiner schämen. denn trotzdem erscheint hier ein ungeahntes kribbeln, wir werden der möglichkeit der erschliessung völlig neuer fun-pontentiale gewahr und entwickeln ganz neu möglichkeiten zur nutzungen des öffentlichen raums und seiner bewohner.

der gute alt guy soll uns dabei nicht stören. er ist seit 94 glücklich raus, von daher wird ihn das hier schon mal nicht mehr zu sehr bedrücken.
aber angesichts solcher dialektiken und verwerfungen darf man schon mal die frage stellen ob diskussionen wie diese hier, um die frage was nun links oder rechts sei oder gewesen sein könnte, nicht doch überflüssig sind.
anything goes, die dialektik der aufklärung hat gewonnen. oder wie sagte ein kluger kopf schon anfang des letzten jahrhunderts “schachmatt!“.
kritische theorie gegen das global boring. vielleicht müssen wir der tatsache auch einfach mal ins auge schauen: diese, unsere kultur und zivilisation, oder das was davon noch übrig ist, gibt eventuell einfach nicht mehr her. wir haben den climax der uns möglichen erkenntnis erreicht. mehr trägt das fundament nicht und das was wir mit neo-kon bezeichnen ist eben nichts anderes als der natürlich niedergang, den jeder kultur einmal erlebt.
keine bange und nicht der geringste grund zur aufregung, intelligenz, aufklärung, fortschritt und kreativität sind deswegen ja nicht aus der welt, eben nur aus unserer westlichen.

und nun nen kleinen wodka für alle.

mal anders erzählt

February 17th, 2011

im folgenden nun eine schöne story mal etwas anders erzählt.
den bologna-prozess-gestählten jungen medienfachmann links blenden wir natürlich weitest gehend aus, um unnötiges fremdschämen zu vermeiden. (edit: lustigerweise sieht er ein bißchen aus wie wir.)
macht ja nix, so bleibt mehr raum um sich auf die story des großkapitalisten einzulassen und diesem vergnügt beim reden zuzuhören.

mit besten dank an frank peso, zu gast beim kollegen genova68 venture.tv wird von nun an, auch bei uns öfter mal geschaltet.

mediale masken und bilderspiegel

February 17th, 2011

als letzten kommentar zu den mediale spiegelbilder und masken weiter unten. es wird einem ganz schwurbelig bei all der dialektik.

revolutionen und transformationen

February 17th, 2011

hf99 reagiert in seinem blog auf chez, und wir reagieren auf beide. denn natürlich haben beide blogger in vielen dingen recht (weswegen wir dem auch nichts hinzufügen wollen).
darüber hinaus sind natürlich auch wir eine hoffnungslos verlorene bande von träumern mit revolutionsfantasien voller brennender barrikaden, gemeinsamer emphase und explosivem abschüttelns der stumpfsinns.
dennoch ziehen wir als realpolitisch denkende wesen, nach wie vor die gewaltfreie transformation und die kluge umprogrammierung der technomaschine vor.

wie auch immer, und ohne jetzt im einzelnen auf die ereignisse eingehen zu wollen, vielleicht aber an dieser stelle doch ein hoffnungsschimmer für alles revolutionsromantiker, mit verweis auf den großen thomas bernhard: revolution, das muss man eben üben. setzen wir 1789 als den ersten versuch, so sind ja gerade mal 2 jahrhunderte herum. etwas geduld werden wir schon brauchen.